Die Tragödie der deutschen Bahn (oder die fatalen Folgen der Privatisierung)

Einer der seltenen, direkten ICEs nach Köln ging heute morgen am Sonntag um 9 Uhr 46 von Hamburg ab. Pünktlich kam ich in den Hauptbahnhof und freute mich schon auf den Komfort des Zuges, das freie WLAN und die Fahrt. Leider musste ich dann auf der Anzeigetafel der Bahnhofshalle lesen, dass für diese Verbindung ein IC als Ersatzzug eingesetzt werden würde.
Als wohlgesonnener Kunde nahm ich das hin, solche Dinge passieren. Ich war bereit, der Bahn weiter Kredit zu geben. Und ich wurde nicht enttäuscht, der saubere und moderne Zug fuhr pünktlich ab, ich fand auch ohne Reservierung einen schönen Sitzplatz, es lief erstaunlich gut.
Bis der Zug in Hamm ausserplanmässig zum Stehen kam. Kurz darauf die Ansage, dass etwas technisches geprüft werden müsse und es sicher bald weitergehen würde. Nun gut, leichtes Kichern bei den Fahrgästen, alles im Rahmen, die Stimmung in meinem Wagon blieb entspannt.
Kurze Zeit später eine neue Ansage:
“Ist jemand mit einem Lineal im Zug? Bitte melden Sie sich im Dienstabteil.”
Gelächter der Passagiere, kaum zu glauben, jemand machte einen Spruch. Wieder Gelächter. Mitleid mit dem Schaffner lag in der Luft. Kurze Zeit später erfuhren wir über die Lautsprecher, dass der Zug aufgrund eines technischen Problems mit verminderter Geschwindigkeit bis Dortmund fahren könne, um dort ausgesetzt werden. Über die weiteren Reisemöglichkeiten würden wir so schnell wie möglich informiert werden. Interessanterweise wirkten die Passagiere des Zuges nicht überrascht oder entsetzt.
Der Glaube der Kunden an das System Bahn scheint tief erschüttert, das Vertrauen verloren.
In Dortmund angekommen, nahm ich nicht den Anschluss mit der  Regionalbahn nach Köln, sondern wartete eine knappe halbe Stunde auf  den ICE 109, der mich pünktlich und komfortabel nach Köln brachte, wo ich meine Reise mit einer Stunde Verspätung beendete.

In diesen Tagen wird viel geredet über defekte Züge, mangelnde Pünktlichkeit und Personalprobleme bei der Bahn. Nach dem heutigen Erlebnis habe ich fast das Gefühl, dass die Krise der Bahn viel schlimmer ist, als die Manager und die Politiker zugeben. Die Vorstellung, dass das Material der Bahn so abgenutzt ist, ungeheuerlich.
Für mich ist diese Krise die Folge der seit den 90ern durchgedrückten Privatisierung.
Der Auftrag, Mobilität in einer umfassenden Breite zur Verfügung zu stellen, ist eben doch nicht auf der Basis kapitalistischer Prinzipien zu erfüllen.
Ich bin gespannt, wie es Management und Politik gelingt, die Probleme zeitnah zu lösen.

Ein ähnliches Dilemma beobachten wir in der Gesundheitspolitik. Der Plan, den Betrieb von Krankenhäusern durch die Anwendung marktwirtschaftlicher Strategien billiger zu machen, geht nun zu Lasten der Patienten. Besonders betroffen sind davon natürlich die gesetzlich versicherten Kranken. Vorsorge, Gesundheit und Pflege sind  keine Produkte  aus dem Möbelhaus, besonders, wenn das Wohl allen zu Gute kommen soll.

Auch beim Wohnen, ob Miete oder Wohnungsbau, wird immer offensichtlicher, dass  Profitstreben auf die echten Bedürfnisse der Menschen keine Rücksicht nimmt.

In der Energiepolitik hat der Kapitalismus ebenfalls versagt. Beispiel Atomkraft. Private Energieversorger haben mit durch öffentliche Gelder geförderten Produktionsmitteln viele Jahre gutes Geld verdient, sind aber jetzt nicht bereit oder in der Lage, die Kosten der Endlagerung des Atommülls und den Rückbau der abgelaufenen Kernkraftwerke zu übernehmen. Unternehmen haben die betroffenen Geschäftsbereiche abgetrennt, um im Falle einer Pleite des Geschäftes mit der Kernkraft den grossen Teil ihres Kapitals retten zu können. Es wird unlauter gespielt. Wenn man die Kernkraft aus rein marktwirtschaftlicher Sicht beurteilen würde, müsste man feststellen, dass es ein reines Verlustgeschäft ist. Ohne die Sicherheiten der Steuerzahler hätte kein kapitalistisch orientiertes Unternehmen so ein Projekt angefasst.

Zusammengefasst bedeutet es, dass es höchste Zeit ist, neue Wirtschaftsmodelle zu entwickeln und auszuprobieren, die nicht der Maximierung der Profite weniger Menschen dienen, sondern der Verbesserung der Lebensqualität der Gesellschaft.

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Die Welt in der Lampenschale

Was ich beim Auto reparieren lernen durfte

Ein ganz normaler Tag. Rein ins Auto, schnell irgendwo hin in die Innenstadt.
Wie sich es gehört, vor der Kreuzung den Blinker links gesetzt. Die Anzeige blinkt doppelt schnell. Auf diese Weise teilen mir die Konstrukteure meines Autos mit, dass eine Birne im Stromkreis der Blinkanlage ihren Dienst aufgegeben hat. Beim nächsten kurzen Zwischenhalt mache ich die Warnblinkanlage an, renne ums Auto, und finde heraus, dass die linke, hintere Birne dunkel bleibt. Muss wohl ausgewechselt werden. Kommt auf meine ToDo-Liste. Weiter gehts. Erstmal ohne links blinken zu können.
Zwei Tage später, eher passte es nicht, hole ich den Schraubenzieher aus der Garage und schraube die Lampenschale ab, um die vermutlich durchgebrannte Birne austauschen zu können. img_9745Zuerst löse ich die untere Schraube. Dann die obere. Kurz bevor ich die Lampenschale abnehme, höre ich mein Echsenhirn sagen, ich solle doch bitte erst die untere Schraube aus ihrer Bohrung nehmen, bevor ich das Glas kippe. Keine Zeit, denkt mein Tageshirn und nimmt die Lampenschale aus ihrer Halterung.
Plock. Etwas fällt runter. Die obere Schraube kann ich sehen, die untere nicht. Ihre Bohrung  in der Lampenschale ist leer. Ein schneller Blick auf den Boden, nichts zu sehen. Da ist noch eine Gullideckel, mit mehreren kleinen Öffnungen. Kann nicht sein, dass sie da reingefallen ist, denke ich. Und wenn, ist sie weg. Während ich die obere Schraube betont bewusst auf die geriffelte Stossstange lege, damit sie nicht auch noch runterfällt, gehe ich blitzschnell meine Optionen durch:
Schraube suchen: Dauert zu lange, ist mit Bücken und auf dem regennassen Boden herumkriechen verbunden. Nö.
Schraube ersetzen: Im Geiste gehe ich kurz mein Sammelsurium von Schrauben durch und finde keine. Mist.
Schraube weglassen: Auch nicht gut. Lampenglas wird klappern, Feuchtigkeit eindringen. Blöd.
Ich entscheide mich für das Einfachste, das Problem erstmal zu verschieben.
Zuerst will ich mich um die defekte Birne kümmern, die mittlerweile im Freien hängt. Ich zwinge mich zur Ruhe, schalte den Blinker nochmal ein, um zu sehen, ob es wirklich die Birne ist, die für den ganzen Aufriss verantworlich ist. Als ob nichts passiert wäre, blinkt sie wieder. Na gut, denke ich. Vielleicht ein Wackelkontakt. Irgendwas aus der Abteilung “Steckst Du nicht drin”. Darum kümmere ich dann irgendwann. Lieber erstmal wieder zusammen bauen. Die obere Schraube liegt immer noch ganz brav da, wo ich sie hingelegt habe. Ich schraube sie fest. Wunderbar. Und dann ist es wieder da, das Problem der fehlenden, zweiten Schraube. Es nützt nichts, ich muss sie finden. Ich suche den Asphalt hinter dem Auto ab. Nichts. Unter dem Auto. Auch nichts.
img_9750-1Der Gullideckel kommt wieder ins Spiel. Könnte es vielleicht doch sein, dass die Schraube da rein gerollt ist?
Kann ich mir nicht vorstellen. Ausserdem wäre sie dann weg. Unerreichbar tief gefallen. Na gut, einen Versuch ist es wert. Ich schaue durch die Löcher. Schwierig. Es hilft nichts, ich muss auf meine Knie gehen, um mit den Augen nahe an die Löcher zu kommen. Jetzt ist mir meine Hose schon egal. Es geht um Höheres. Interessant ist, dass es unterhalb der Löcher eine Art Auffangbehälter gibt, in dem Blätter und kleine Zweige liegen. Ich gehe noch dichter ran und spähe durch die Löcher. Nein, ich sehe sie nicht, die verfluchte Schraube. Ich will schon aufgeben, meine Knie tun weh, es nieselt. Nur noch ein Blick. Was ist das? Tatsächlich. Da ist sie. Kaum zu sehen zwischen dem Modder. Jetzt muss ich sie nur noch rausholen. Das Echsenhirn meldet sich. Du hast doch diesen Greifer, der müsste durch die Löcher passen. In die Garage, den Greifer suchen. Er ist natürlich nicht da, wo er hätte sein müssen. Mir fällt ein, dass ich neulich mein Werkzeug aufgeräumt hatte, aber absolut nicht, wo ich den Greifer hingelegt habe. Ohne Greifer keine Schraube, ohne Schraube kein Abschluss. Doch dann finde ich ihn und eile wieder raus zum Gullideckel. Jetzt gilt es. Konzentration ist gefragt. Wo war nochmal die Schraube? img_9749Ich sehe sie nicht mehr. Wie verwünscht. Ist sie in der Zwischenzeit versunken? Habe ich mich getäuscht und ein Zweiglein für die Schraube gehalten? Ich zweifle an mir selbst. Nicht locker lassen, Martin! Bleib fokussiert, sagt das Echsenhirn. Ich hole die Taschenlampe aus dem Auto, denn langsam geht das Tageslicht weg. Während ich durch das eine Loch leuchte, spähe ich durch das daneben liegende Loch. Systematisch gehe ich die in Frage kommenden Löcher durch. Da taucht die Schraube auf. Gut versteckt. Jetzt bin ich eiskalt. Ich führe den Greifer durch das Loch auf die Schraube zu. Mit einem Daumendruck spreize ich die kleinen Greifarme an der Spitze der Verlängerung und bringe sie über die Schraube. Der Greifarm verdeckt meine Sicht, und ich muss die winzig kleinen Arme auf gut Glück zuschnappen lassen. Da ist ein Widerstand. Ich spüre es in meinem Daumen, das macht Hoffnung. Ganz langsam und kontrolliert ziehe ich die Verlängerung aus dem Loch. Ich habe die Schraube. Ich fühle mich gut.
Der Rest ist einfach. Wie von selbst lässt sich die zweite Schraube ins Lampenglas drehen. Als wäre sie nie weg gewesen. Fest ist das Glas. Noch schnell das Werkzeug in die Garage räumen. Fertig.

Später erkenne ich, dass in dieser kleinen, unbedeutenden Aktion so vieles steckt:
Mal eben, ist nicht: Nimm Dir für alles seine Zeit. Hektik macht Fehler. Es dauert, solange es dauert.
Knie Dich rein: Scheue Dich nicht, Deine Hosen dreckig zu machen, um Dein Ziel zu erreichen. Manchmal ist es unbequem, aber am Ende lohnt es sich.
Konzentriere Dich: Sei immer aufmerksam. Jeder Moment ist wertvoll.
Gib nicht auf: Versuche es so lange, bis es klappt. Manche Probleme brauchen mehrere Ansätze, bis Du sie gelöst hat.
Denke positiv: Gehe nicht automatisch vom Schlimmsten aus. Die Schraube ist nicht in die Kanalisation gefallen. Sie war da. Die ganze Zeit.

Baumlos, baumlos.

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Der Trend geht zum Pflaster. Nicht mal mehr Rollrasen spendieren die Häuslebauer heutzutage ihren Vorgärten. Es wird planiert, betoniert, versiegelt. Jetzt muss nur noch gefegt werden. Und wenn die Natur sich den Streifen zwischen Haus und Strasse zurückholen will, und ganz unverfroren ihre Halme zwischen den Platten nach oben schiebt, dann kommt die Giftspritze zum Einsatz. Natürlich wird zu viel gesprüht, sicher ist sicher. Und dann kann wieder gefegt werden. Zum Glück keine Blätter, denn die Bäume haben die Bewohner als erstes abgesägt, um Platz für ihr Auto zu machen. Absurd: Um Platz für die CO2-Schleuder zu schaffen, sägt man die ab, die CO2 in Sauerstoff umwandeln können. Die Bäume. Schatten braucht man auch nicht mehr, wird eben die Klimaanlage etwas höher gestellt.

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Warum ich wohl zu lieb für Game of Thrones bin und die Serie nicht mehr gucken werde

Eine Kritik von Martin Przyborowski

 

Jetzt habe ich die letzten beiden Folgen hinter mir und damit die 5. Staffel der HBO Serie „Game Of Thrones“ durchgesehen. Durchgestanden, muss ich eher sagen, denn ich kann mich nicht erinnern, eine ähnlich lange Zeit in einer so derartig negativen Gefühlswelt verbracht zu haben.

Ich bin fertig mit der Serie. Keine Neugier wird mich dazu bringen, wieder einzusteigen in diesen dunklen Kosmos, der von Gier, Missgunst, Mord, Folter und Lügen beherrscht wird. Es ist mir völlig egal, was aus den Opfern wird, denn nichts anderes sind die Figuren der Serie. So sehr sie auch glauben mögen, ihr Schicksal selbst bestimmen zu können, bleiben sie Opfer.
Ich will mich nicht mehr in sie hineinversetzen, mich mit ihnen schlecht fühlen und selbst schlecht draufkommen.

Nach Anschauen der Episoden 6 und 7 hatte ich Alpträume bekommen, aber die letzten beiden Folgen konnten das Sich-in Gewalt-suhlen noch steigern. Wehrlos musste ich mit anschauen, wie ein Kind vor den Augen seiner Mutter verbrannt wurde. Ströme von Blut beim Terroranschlag einer radikalen Sekte. Musste ertragen, wie Augen ausgestochen, Menschen zerhackt, vergiftet und gefoltert wurden, wie eine Frau nackt in Schimpf und Schande durch die Strassen getrieben wurde. Ohne Pause wurde gelogen, hintergangen, gehasst, geneidet, intrigiert. Es gab so gut wie keine positiven Momente. Die Herrschaft des Bösen, der moralischen Verkommenheit war allgegenwärtig.
Was treibt Menschen an, sich das anzusehen und ihrer Seele Leid anzutun? Gute Frage.

Es gibt die Anschauung, dass durch die Einrichtung von Meditationszentren in Kriegs- und Krisengebieten Frieden geschaffen werden kann. Klar ist, dass die Kraft positiver Gedanken die Menschen bewegt, über ihren Schatten zu springen und Gutes zu tun.
Diese Serie könnte das Gegenteil bewirken.
Durch die stundenlange negative Imagination macht sie ihre Zuschauer hoffnungslos und verzweifelt und damit diese Welt ein wenig schlechter.

Wir wissen alle, dass die Welt schlecht ist . Der Alltag im Kongo, in Afghanistan oder in syrischen Flüchtlingscamps ist grausamer als die geschilderten Geschehnisse in Winterfell oder Mereen.

Aber, um unsere reale Welt retten zu können, und daran glaube ich ganz fest, dass wir sie retten können, brauchen wir keine Gewaltpornografie, sondern positive Impulse, positive Gedanken. Offenheit, Verständnis, Liebe.
Gutes Karma eben.

29. Oktober 2017